In unserer Sommerpredigtreihe sinnierten wir Pastorinnen und Pastoren aus der Region darüber, was für uns das Paradies ist - Arbeit - Familie - Urlaub - und wir überlegten: Kann man sich das Paradies bewahren, indem man Erinnerungen, Andenken, Gegenstände, Bilder oder was auch immer aus dem Urlaub mitnimmt und zuhause aufbewahrt?
Aus persönlichen Gründen war mir bei dem Thema als allererstes "Bernstein" eingefallen, weil wir in der Familie, insbesondere als die Kinder noch klein waren, zu und zu gerne im Herbst bei schönem klaren Sonnenwetter nach einem ausgiebigen Südweststurm am Strand nach diesen wunderbaren Glitzersteinen gesucht haben. Der Südweststurm lässt die Steinchen aus der Elbemündung an die nordfriesischen Inseln spülen, deren nördlichste eben unser damaliges Urlaubsziel Fanoe ist. Hunderte von Sucherinnen und Suchern sind unterwegs, kratzen z.T. in hingebungsvoller Kleinarbeit Tang und Holzstückchen, Wurmhüllen und weitere Ablagerungen am Spülsaum durch, andere stehen mit Anglerhosen, Keschern und besonderen Lampen in der Dünung bei ablaufendem Wasser, um die Stücke schon herauszufischen, ehe sie überhaupt am Strand zu liegen kommen.
Einige Suchende sind wirklich fanatisch, anderen wiederum mag es darum gehen: Wer findet das größte Stück? Und wenn die eigene Ausbeute einmal nicht so gewaltig ist, fragt man sich unwillkürlich: Wieso die und nicht ich? Wieso kann man nicht einfach schlendern und sich freuen - und wenn man nichts findet, eine Muschel oder einen Stein aufheben? Es ist schwierig ...
Wir sind schon seit längerem nicht mehr beim Bernsteinsuchen gewesen, weil dieser emotionale Stress eigentlich nicht das ist, was Urlaub wirklich ausmacht. Und trotzdem sehnt man sich nach dem Moment, wenn man wirklich ein besonders schönes Stück im Watt findet.
Ähnlich ist es mit Pilzen im Wald: Wer findet die meisten Steinpilze? Die schönsten Maronen? Ein ähnliches Spiel, ein ähnliches Glück, wenn man eine kleine Pilzmahlzeit zusammengesammelt hat.
Neid gehört zu den 7 Todsünden. Das Verbot, neidisch zu sein, ist das letzte Verbot der 10 Gebote - und es ist das geringste, aber das, aus dem alle Untaten, die zuvor verboten sind, erwachsen können.
Wer seinen eigenen Neid nicht unter Kontrolle hat, kann sehr gefährlich werden. Und man kann sich den kompletten Urlaub damit verderben.
Was allerdings besonders perfide ist, wenn in unserer Gesellschaft, wo die Schere zwischen "sehr reich" und "sehr arm" immer weiter auseinander geht, ausgerechnet die ersteren, die Habenden, den letzteren, den Bedürftigen, eine "Neiddebatte" vorwerfen und beklagen, dass der Neid dazu führen würde, dass "Umverteilungsphantasien" entstünden.
Weil "die da oben", der alte oder neue "Geldadel" sehr wohl wissen, dass Neid eine Todsünde ist, wird mit diesem Wort argumentiert. Und die aus dem "Neid" stammenden Rufe nach "Umverteilung" werden entsprechend gebrandmarkt.
Nicht bedacht wird, dass es überhaupt nicht um Neid sondern um Gerechtigkeit geht. Und erst recht wird nicht laut gesagt, dass die Umverteilung bereits stattgefunden hat und der Ruf nach Gerechtigkeit eigentlich ein Ruf nach Rückverteilung ist, nach der Vergesellschaftung dessen, was still und heimlich privatisiert wurde, nach der angemessenen Besteuerung dessen, was aus Erbschaften, unverdientem Besitz oder gar zweifelhaften Erträgen gespeist wurde - meistens ja durch die Arbeitskräfte von Hunderten Mitarbeitenden, denen entsprechende Zugewinne natürlich nicht im selben Maße zugestanden werden.
Initiative und Risiko sollen belohnt werden. Selbstverständlich.
Aber Maßhalten ist nicht nur das, was "die da oben" "denen da unten" empfehlen sollten, sondern umgekehrt gilt es ja mindestens genauso.
Bernstein - bei ihm ist der Neid ein Luxusproblem. Der Bernstein fordert mich auf, mir die Momente des Findens schenken zu lassen, aber ansonsten gelassen zu bleiben.
Wenn es um wirkliche Gerechtigkeit in der Gesellschaft geht, ist der Vorwurf des "Neides, bzw. der "Neiddebatte" perfide, denn sie kommt von denen, die alles haben, und wirft sie denen vor, die für Gerechtigkeit und Solidarität eintreten oder gar denen, die - gleichviel, ob verschuldet oder unverschuldet - Not leiden und zumindest sehr stramm rechnen müssen.
Aus diesen Überlegungen folgt meines Erachtens ganz klar: Ob du neidisch bist, kannst du nur selbst sagen. Prüfe dich und überlege dir, ob du das nötig hast.
Es ANDEREN vorzuwerfen, und dazu noch von einer höheren Position aus, ist schäbig. Denn die Forderung nach Gerechtigkeit ist in unserer, in jeder Gesellschaft wichtig und hilfreich, weil sie den Zusammenhalt stärkt und den schädlichen Egoismus eindämmt.
Von daher: Freu dich, wenn du unverhofft etwas Schönes findest. Sei nicht neidisch, wenn wer anders Glück hat. Und strebe nach Gerechtigkeit, dann kommen wir alle dem Gottesreich schon jetzt ein bisschen näher.
In diesem Sinne wünsche ich einen goldenen Herbst für alle, Peter Fahr (Pastor)