Warum soll ich eigentlich noch Mitglied der Kirche sein?
Tja, das ist die Frage. Allenthalben bemüht sich die Kirche, Grenzlinien offen zu halten, nicht zu verstaubt und amtsschimmelmäßig daher zu kommen, auch Paare zu trauen, wo eins nicht (mehr) Mitglied unserer oder wenigstens einer christlichen Konfession ist - es ist in Sonderfällen sogar kirchlicherseits erlaubt, Kinder zu taufen, wenn BEIDE Eltern nicht mehr Mitglied der Kirche sind. Gut, das halte ich aus verschiedenen Gründen für schwierig und mache es auch nicht, aber es gibt sicherlich Amtsgeschwister, die - aus seelsorgerlichen oder anderen Gründen - da anders entscheiden - sie dürfen es ja. Natürlich ist es schwierig, wenn unsere Kirche da nicht 100%ig einheitlich handelt, aber dazu sind wir Pastorinnen und Pastoren dann doch zu verschieden - und uns werden persönliche Spielräume zugestanden.
Das Arbeitsrecht hat die Kirche dazu angehalten, in bekenntnismäßig nicht so relevanten Bereichen auch Nichtmitglieder einstellen zu sollen - und die Grenzen sind da sicherlich fließend - eine Reinigungskraft, die sich auch um die Altarblumen kümmert, darf die bekennende Nichtchristin oder Muslima sein? Wie ist es mit Erzieher/inne/n im kirchlichen Kindergarten? Oder mit Pflegepersonal in christlichen Krankenhäusern oder Heimen? Ein weites Feld...
Auf der anderen Seite erreicht mich immer wieder die Frage: Warum bin ich eigentlich noch so blöd und zahle Kirchensteuern, wenn ich auch so alles kriege, was ich will.
Blöd ist das natürlich nicht, denn ohne die treuen Kirchensteuerzahler*innen wäre die Kirche mittlerweile noch viel weiter unten, als sie ohnehin schon ist. Und es bedeutet natürlich auch, dass ich auch in dieser Welt sichtbar und offiziell Mitglied der Familie Jesu Christi, der Kinder Gottes bin.
Früher dachte man, dass alle, die sich nicht an die Vorgaben der Kirche (damals wohl eher der katholischen Kirche) halten, automatisch nicht in den Himmel kommen sondern in der "Hölle" landen. Deswegen war es ja so wichtig, alle Menschen zu Christen zu "machen", damit sie in den "Himmel" kommen.
Solche Gedanken sind uns mittlerweile fern - also mir jedenfalls. Die Macht des Menschen wird bei solchen Gedanken zu hoch angesiedelt und der Gnade Gottes zu wenig vertraut. Ich bin nicht das jüngste Gericht und habe nicht darüber zu befinden, was Gott für einen jeden von uns, für Christinnen und Christen und Nichtchristinnen und Nichtchristen, für Atheisten und Muslime, für für für... vorhat. Niemand von uns kann so tun, als könnte er oder sie in Gottes Gedanken schauen. Und was in der Bibel steht, ist auch nicht immer richtig verstanden worden, kann anders interpretiert werden - und schließlich sind die dortigen Autoren auch nur Kinder ihrer Zeit. Über göttliche Strafe und Verdammnis reden wir heute - mit Recht - anders, als es in früheren Zeiten der Fall war. Und: Es kann eben leider auch Christen geben, die moralisch versagen (kommt leider immer wieder vor, auch bei Amtsträgern, siehe kürzlich den Fall in Ochsenwerder in unserer Kirche), es gibt Atheisten, Muslime, Ausgetretene, Hinduisten, Sikhs etc. pp., die das Herz auf dem rechten Fleck haben, und es gibt Gottes Gnade, die allen Menschen gilt. Von daher: Wir können nicht wissen, was wird, wir können nur hoffen. Und ob wir Mitglied der Kirche sind oder nicht, hat möglicherweise auf unsere Zukunft mit Gott keinen Einfluss.
Trotzdem ist es ja nun nicht gleichgültig, was wir hier entscheiden. Es geht bei dem, was wir hier tun, möglicherweise nicht um Himmel und Hölle, höchstens um Himmel und Hölle HIER. Nun mag die Kirchenmitgliedschaft auch hierfür keine Frage sein, aber wenn es Kirche und Verkündigung nicht mehr gibt, dann wäre das schon ein gewaltiger Verlust für die Welt. Ohne die Botschaft von Gottes Liebe, Gottes Gestalt gewordener Liebe in Jesus Christus wird diese Welt ärmer - und kommt der Hölle AUF ERDEN leider wieder ein kleines Stück näher. Von daher: Kirche ist notwendig!
Natürlich muss Kirche nicht so organisiert sein, wie sie das bei uns in Deutschland ist. Mitgliedschaft und Kirchensteuer - das gibt es auf diese Weise sonst nirgendwo auf der Welt. Aber bei uns ist es nun halt so. Das haben weder Sie noch ich uns so ausgedacht. Und es ist für unser Leben nicht egal, ob wir uns zugehörig fühlen - und dafür auch die Konsequenzen tragen - im für uns Erfreulichen wie im uns Verpflichtenden. Wir alle sind dafür verantwortlich, dass es Kirche gibt. In freikirchlichen Zusammenhängen, die ohne Kirchensteuer existieren können, ist der Druck, zum finanziellen Bestehen der Kirche beizutragen, noch deutlich größer. Geht ja nicht anders.
Bei uns war es bisher immer so, dass die, die es sich leisten können - und das sind die Kirchensteuerzahlenden -, zum Bestehen des Ganzen auch für die, die es sich NICHT leisten können (Kinder, Alte, Arbeitslose, Arme etc.), beitragen. Aber die gesamtgesellschaftliche Solidarität - und damit auch die kirchliche - nimmt heutzutage offensichtlich ab. Der Hauptverdiener tritt aus, die weniger oder nichts verdienende Ehefrau bleibt drin, dann kriegt man ja alles (und beschwert sich dann vielleicht noch darüber, dass man das sog. "Kirchgeld in glaubensverschiedener Ehe" bezahlen soll).
Nun ist allerdings die Verpflichtung für römisch-katholische bzw. evangelisch-lutherische Christinnen und Christen, zum Erhalt der Kirche beizutragen, nicht das einzige, was man zur Kirchenmitgliedschaft sagen kann. Für viele Menschen ist diese Art der Zugehörigkeit auch so etwas wie ein Wert an sich: Ja, ich bin dabei - und wenn ich es will, kann ich jederzeit für meine Anliegen um einen Gottesdienst bitten (Kindstaufe, Trauung, Gedenktag der Trauung, Abschiedsgottesdienst - und weitere Anlässe, die vielleicht viel persönlicher sind - alles das ist möglich). Ich kann Patenonkel oder Patentante bei einer Kindstaufe werden. Und ich kann Verantwortung in der Gemeindeleitung (KGR = Kirchengemeinderat, früher KV = Kirchenvorstand) übernehmen, mitarbeiten, mich einbringen. Und - m.E. das Entscheidende: Ich gehöre verbindlich dazu, ich mag vielleicht nicht alles mögen, was in der Kirche geschieht, aber ich weiß auch, dass es keine irdische Gemeinschaft geben kann, ohne dass Fehler geschehen. Und mir ist es lieber, es gibt die Kirche, die die Weitergabe der Botschaft von Gottes Liebe in Jesus Christus theologisch fundiert verantwortet, als dass sich die Botschaft ohne eine feste Organisation ins Ungefähre, Beliebige, vielleicht sogar Esoterische verflüchtigt.
Dass in neuerer Zeit die Grenzen zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern nicht mehr ganz so scharf gezogen werden wie früher, ist eine zweischneidige Angelegenheit. Die Kirche ist einladender und inklusiver geworden, aber es besteht eben auch durch die Freundlichkeit, die von uns allenthalben erwartet wird - mit Recht! - die Unschärfe, dass finanzielle Sparsamkeit oder gar finanzieller Egoismus kirchlicherseits nicht mehr "ganz so streng bestraft" wird wie früher, wenn Menschen sich von Kirche oder Glauben abwandten (Beerdigung außerhalb der Kirchhofsmauern, Ausschluss vom Gottesdienst, Exkommunikation, öffentliches Schneiden etc. Es könnte geradezu der Eindruck entstehen, es ist egal, ob Kirchenmitglied oder nicht. Und das ist auch irgendwie nicht richtig - wobei "Strafen" sind nun heutzutage auch nicht mehr das, was die Kirche tun sollte...
Was würden Sie sagen, wenn der Brief, den die Gemeinde an die Ausgetretenen schreibt, mit dem Satz beginnen würde: "Ich finde es ganz doof, dass Sie ausgetreten sind." Ich gebe zu, das wäre ehrlich. Auf der anderen Seite gibt es natürlich echte Gründe, die einen Austritt wirklich begründen: "Ich habe den Glauben an Gott verloren." "Ich kann damit, was die Kirche tut und anbietet, nichts anfangen." "Ich finde die Form des Christentums, das die Landeskirche verkörpert, für mich nicht passend." Wenn der Austrittsgrund lautete: "Wozu Kirchensteuer zahlen, wenn ich auch so kriege. was ich will" - dann empfinde ich das als weniger schön, kann aber natürlich nichts dagegen tun.
Ich kann also nur dafür werben: Wenn ihr kein theologisches oder weltanschauliches oder glaubensmäßiges Problem mit der Kirche habt, bleibt drin! Wenn ihr daran interessiert seid, dass Kirche vor Ort stattfinden kann, bleibt drin! Wenn ihr der Zugehörigkeit auch ein persönliches Motiv abgewinnen könnt, bleibt drin! (Oder kommt zurück!). Und: Wir brauchen euch, als Mitbetende, als Mitdenkende, als stille oder laute Partizipierende, als Geschwister im Herrn. Die Kirche lebt von der Gemeinschaft und den Menschen, die dazugehören - und dem, was Gott für uns tut.